Haltung entscheidet – wie das Buch entstand

Interview mit dem Unternehmer & Autor Martin Permantier

Führung und Unternehmenskultur zukunftsfähig gestalten

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Die Entstehungsgeschichte von "Haltung entscheidet"

Maike Schäbitz: Hi Martin, ich freue mich, dass wir uns mal zusammenzusetzen, um über Dein Buch zu sprechen, was im Sommer 2019 erschienen ist. Ich habe es jetzt komplett durchgelesen und eine gewisse Zeit damit gelebt und Dinge im Alltag ausprobiert. Ich bin gespannt, auf ein paar Insights zum Entstehungsprozess des Buches. Wie kam es dazu, dass Du das Buch geschrieben hast?

Martin Permantier: So ein Buch ist immer eine längere Schwangerschaft. Wenn ich es mir genau überlege, waren die Anfänge vor 30 Jahren, als ich angefangen habe, mich mit den Ideen von Selbstentwicklung zu beschäftigen. Ich habe das damals noch als was vollkommen Privates gesehen und nicht in den Kontext von Unternehmen oder der Arbeitswelt gebracht. Seit wir uns vor 12 Jahren bei SHORT CUTS, unserer Agentur für Design und Kommunikation, stärker mit Strategie und Positionierung für Unternehmen beschäftigen, schauen wir auf die Marktposition eines Unternehmens. Wie treten die auf? Was wollen die? Was sind deren Werte? Wie kommunizieren die? Über diesen ganzen Prozess und insbesondere über die Wertefindung, haben wir erkannt, dass Menschen ein sehr unterschiedliches Werteverständnis haben und daraus auch sehr unterschiedliche Unternehmen formen. Eine inspirierende Begegnung, die mir den Zusammenhang zwischen Werten, Haltung und Organisationsformen vor Augen führte, waren die Bücher von Frederic Laloux. Ich kannte die Ideen von Ken Wilber zu der evolutionären Entwicklung von einem selbst, von Organisation und Gesellschaften, schon seit den 90ern. Aber Frederic Laloux mit seinem Buch Reinventing Organizations hat für mich klar gemacht, das gehört alles auch zur Arbeitswelt und deren aktueller Veränderung. Diese Erkenntnisse sind immer mehr gereift und Teil unseres Beratungsprozesses geworden.

Maike Schäbitz: Und dann hat Dein Bild sich immer mehr geformt und irgendwann war in Deinem Kopf genug Material, dass der Impuls entstanden ist, daraus ein Buch zu formen?

Von der praktischen Arbeit an Führung und Unternehmenskultur zum Buch

Martin Permantier: Die Entstehung war weniger im Kopf, sondern in der Praxis. Wir fingen an, diese entwicklungsorientierten Modelle auf uns selber als Organisation und auf unsere Kunden zu beziehen.

Wir fragten uns, was sind die Werte, die wir haben und was ist die Haltung dahinter, mit der wir ein gemeinsames Führungsverständnis leben.

Das konnte gerade in Unternehmen sehr unterschiedlich sein. Der Eine sagt, „Ich finde Werte super, wollen wir haben! Wo muss man einen Haken dranmachen? Dann werden die überall aufgehängt und dann sollen sich alle dranhalten.“ Das ist eine Haltung zu Werten und der Nächste sagt, „Wir machen einen Prozess unter Beteiligung aller, denn wenn wir alle zu Wort kommen lassen und transparent sind, kommen wir zu Werten, die wo möglich alle teilen,“ dann ist das eine ganz andere Haltung. Die Modelle, die wir benutzen, kommen teilweise von Clare Graves, teilweise von Jane Loevinger. Wir beziehen uns stärker auf das entwicklungsorientierte Modell von Jane Loevinger, die als Entwicklungspsychologin in den 60ern und 70ern sehr viel geforscht hat. In diesen Modellen werden eben diese unterschiedlichen Haltungen in eine nachvollziehbare Ordnung gebracht. Um diese Theorie verständlich im Beratungsprozess einzubringen, haben wir Entwicklungsgrafiken entwickelt. Sie zeigen, was es heißt, verschiedene Haltungen biografisch zu entwickeln, was es heißt, je nach Haltung verschiedene Führungsstile zu entwickeln und wie die vielleicht aufeinander aufbauen. So dass wir dann irgendwann so viel Material hatten, das wir immer wieder in der Praxis getestet hatten, dass wir dann beschlossen haben, es in eine Form zu bringen. Daraus ist dann das Buch „Haltung entscheidet“ geworden.

Maike Schäbitz: Und was ist dann in Euren Workshops passiert, wenn Ihr die Grafiken und die Ideen vorgestellt habt?

Martin Permantier: Ich glaube, dass ein Modell eine Vereinfachung der Wirklichkeit ist, die hilft komplexe Dinge besser zu durchschauen.

Ein Modell bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern es schafft Nachvollziehbarkeit und neue Deutungen.

Wenn man früher vielleicht gesagt hat, „Ja so sind Chefs. Der eine ist so, der andere ist so. Das sind halt Charaktertypen,“ kann man mit Hilfe des Haltungsmodells sehen, was erfasst der eine, was der andere vielleicht noch nicht sehen kann. Das sind aufeinander aufbauende Kompetenzstufen, die sich in unserer Haltung zeigen. Das Modell kann einer Führungskraft helfen, sich zu orientieren und gezielt neue Kompetenzen zu erwerben, die einem noch fehlen.

Ein Modell kann helfen, unterschiedliche Perspektiven besser zu verstehen

Maike Schäbitz: Ja, das war für mich einer der ersten Effekte als ich das Buch gelesen habe. Ihr arbeitet in dem Buch ganz viel damit, dass es immer wieder praxisnahe Beispiele innerhalb dieses Modells der sechs Haltung gibt, so dass ich ein Verständnis dafür bekomme, mit welcher Brille sieht ein Mensch die Welt aus einer bestimmten Haltung. Der entscheidende Effekt für mich war, dass ich einfach immer besser verstanden habe, wie andere Menschen die Welt sehen und ich mit mehr Verständnis ihre Perspektive einnehmen kann. Dadurch funktioniert Kommunikation z. B. mit meinen Kollegen, mit meinem Partner und mit verschiedenen anderen Menschen, einfach deutlich besser.

Martin Permantier: Genau, das ist glaube ich sehr wichtig. Diese Bewusstwerdung, der eigenen Subjektivität, dass wir wirklich jeder nur immer ein Ausschnitt von der Wahrheit sehen und insofern alle Recht haben und gleichzeitig alle relativ blind sind. So ein Modell der Haltungen kann uns klar machen, von wo aus schaust Du denn eigentlich gerade? Ach, Du schaust von da, ich schau von hier. Ja ok. Wo sind denn die Gemeinsamkeiten, die wir vielleicht etablieren können?

Das andere, was ich auch noch sehr stark gelernt habe, auch an mir selber, ist, dass wir die Haltung immer wieder wechseln.

Mal sind wir total selbstorientiert und sehen nur uns, dann sind wir plötzlich dogmatisch und im Schwarz-Weiß-Denken. Dann denken wir, Zahlen sind alles, dann stehen unsere Wünsche im Vordergrund und dann sind wir vielleicht in einem Modus, wo wir empathisch sind und Menschen in ihrer Ganzheit erkennen. Diese verschiedenen Haltungen nehmen wir in unterschiedlichen Situationen im Alltag ein. Eine gute Bekannte von mir meinte, die befreiendste Grafik für sie im ganzen Buch wäre die, wo man sieht, dass man zu unterschiedlichen Uhrzeiten, in unterschiedlichen Situationen, sich vielleicht in unterschiedlichen inneren Haltungen wiederfindet. Im Straßenverkehr schimpfen wir rum, verhalten uns wie ein unkooperatives Kleinkind. In anderen Kontexten sind wir empathisch und können differenzierter mit der Realität umgehen, als im Straßenverkehr.

Maike Schäbitz: Ja ich glaube, das war genau auch für mich etwas sehr befreiendes, mir darüber klar zu werden, dass ich meine Haltung durch den Tag weg und durch verschiedenste Situationen hindurch verändere und das es eben nicht darum geht, bestimmte Haltungen zu labeln oder zu verurteilen, sondern mir bewusst und gewahr zu sein, aus welcher Haltung heraus ich oder mein Gegenüber gerade agiert und deswegen entweder ich oder meine Mitmenschen gerade eine bestimmte Perspektive,  bezogen auf ein Gespräch oder auf ein Problem, vielleicht gar nicht einnehmen können.

Entwicklung als lebenslangen Prozess begreifen

Martin Permantier: Das ist einer der schwierigsten Punkte oder auch der Kritikpunkt an Entwicklungsmodellen, dass man sagt, „Ja, das führt zu Bewertungen und kategorisiert die Leute.“ Bei Kindern findet man es ganz normal, von Entwicklungsstufen oder zunehmenden Kompetenzen zu reden. Jetzt kann es „ich“ sagen, jetzt kann es „wir“ sagen, jetzt kann es was greifen. Bei Erwachsenen schauen wir irgendwann nicht mehr differenziert hin.

Jetzt, wo wir über 18 sind, sollen wir angeblich plötzlich alle die gleichen Reifekompetenzen haben? 

Dann stellt man fest, der Eine sagt, „Das haben wir immer schon so gemacht“, und der Nächste sagt, „Ja, das haben wir immer schon gemacht, aber könnten es trotzdem anders machen.“ Der Zweite hat dann vielleicht noch eine Option mehr. Darum geht es ja, zu sehen, in welchem inneren Denkkonstrukt oder Wirklichkeitskonstruktion befinde ich mich gerade und gibt's vielleicht noch eine Schleife, mit der ich mehr Optionen sehe – und nicht nur sehe, „Das haben wir immer schon so gemacht.“ Es ist nützlich, einen entwicklungsorientierten Blick auf sich selbst zu kultivieren und sich als unfertig zu begreifen.

Wir erkennen uns als eine Summe von Teilpersönlichkeiten. Es ist spannend, wenn Du dich selbst in Deiner Vielheit siehst. 

Mal erleben wir uns als Volldepp, der wieder in altem Denken gefangen ist und wenn die Anspannung weg ist, können wir noch zwei Schleifen mehr drehen und zu kompetenteren Ergebnissen kommen. Mir geht das manchmal in Führungssituationen mit Mitarbeitern so, wenn ich mich konfrontiert fühle oder Kritik habe und dann vielleicht erstmal auf eine Art und Weise reagiere, wo ich später denke, „Das war jetzt ein wenig platt und einseitig gehandelt.“ Reflektiere ich, werden mir zusätzliche Dimensionen bewusst, in dem ich bemerke, was braucht der andere oder mit welcher Emotion kam dieser gerade auf mich zu. Dann gelingt es mir vielleicht, eine erweiterte Haltung einzunehmen. Oder es kommt vielleicht ein alter Reflex und ich habe das Gefühl, ich muss ich mich schützen und bleibe dann unter meine Möglichkeiten.

Das Buch ermöglicht „Referenzerfahrungen“ reiferer Haltungen und einen ganzheitlichen Blick auf Unternehmenskultur 

Maike Schäbitz: Für mich war es an der Stelle spannend zu erleben, dass das Buch innerhalb der Entwicklung der Haltungen, hin zu einer sehr reifen Haltung, immer wieder Sichtweisen und Perspektiven beschreibt, die z. B. auch ich ganz oft noch nicht einnehmen kann. Ich kann das erst mal lesen und habe dann ein Gefühl dafür, oh das klingt total gut, also wenn ich dazu in der Lage wäre aus dieser Haltung heraus öfter mal zu agieren oder zu kommunizieren und zu leben, wäre, glaube ich, vieles, an ganz vielen Stellen deutlich, liebevoller, glücklicher für alle Beteiligten. Das war für mich schon ein großer Gewinn des Buches, dass ich eine Referenzerfahrung bekommen habe.
Dadurch, dass gerade die späteren Haltungen, die reifer und komplexer sind als meine gewohnheitsmäßige Haltung, die ich größtenteils einnehme, mit so vielen Übungen und Beispielen detailliert beschrieben werden, habe ich eine innere Orientierung gewonnen, wie es mir besser gelingen kann, diese in Zukunft einzunehmen und zu üben.

Martin Permantier: Genau. Und wir erleben das in der Arbeitswelt gerade im Zusammenhang mit den Themen Agilität, fit sein für die Digitalisierung, New Work und diesen ganzen Schlagwörtern.

Wir stellen fest, dass neue agile Tools nur dann wirklich wirksam werden, wenn wir auch die Haltung wechseln. Neues Denken muss geübt werden.

Ich kann nicht in einen Konzern gehen und sagen, „So, Ihr müsst jetzt besser funktionieren. Wir gießen jetzt Design Thinking in Form von Seminaren in die Organisation und nach einem Jahr wird der Gewinn höher. Das ist falsch gedacht und dafür gibt das Modell Orientierung. In vielen Organisationen sind die Führungskräfte auf eine gewisse Art der Haltung konditioniert worden. Zahlenfixiert, vom Controlling gesteuert und jetzt heißt es, „Mach mal agil, lass mal die Leute alles machen, wie sie wollen und führe stärkenorientiert.“ Dann sind oft die Führungskräfte das Hindernis, weil sie diese neuen Denkweisen noch nicht können oder vielleicht das Gefühl haben, gar nicht die Erlaubnis dafür zu haben. Es fehlt manchmal der gesamtheitliche Blick auf eine Organisation, der fragt: Wo stehen wir denn mit unserer Art der Denkweisen? Wo sehen wir uns in unserem Verhalten? Wo stehen wir mit den Strukturen, die wir geschaffen haben und mit unserer Kultur? 
Das war unser Anliegen, warum wir so viele Anekdoten und kleine Geschichten das Buch eingebunden haben. In den Grafiken zeigen wir immer wieder diese Bewegung. Aus der Haltung würde es so wahrgenommen, aus der so, aus der so, aus der so. Natürlich ist das ein bisschen vereinfachend und karikaturenhaft. Das sind halt Beispiele. Aber irgendwie kriegt man dann einen Geschmack, wo ich selber mit mir gerade so rumschwebe und mit welchen Annahmen ich auf die Welt schaue.

Sich selbst den Spiegel vorhalten können

Maike Schäbitz: Ja, das ist es. Sich selber immer wieder, anhand von Übungen und auch anhand der Beispiele den Spiegel vorhalten. Ich kann nur jedem empfehlen, der sich das Buch vielleicht kauft, genau solche Rollenspiele zu üben. Eine bestimmte Haltung einzunehmen, den Gegenüber zu bitten, eine andere Haltung einzunehmen und dann mal wirklich am eigenen Leib erfahren, wie es ist, aus komplett unterschiedlichen Haltungen miteinander über ein bestimmtes Thema zu kommunizieren.

Martin Permantier: Wenn man damit erstmal angefangen hat, wird es lustig, ja auch ein bisschen schmerzhaft. Ich sage gerne, das Lustigste ist, sich selber zu beobachten, wie wir zu Hause mit unserer Mutter kommunizieren. Dann vergleichen sie diese Rolle mit der, die sie als Führungskraft haben und wie sie da agieren und kommunizieren. Man wird auf zwei verschiedene Menschen stoßen und kann mal gucken, was ist eigentlich der Unterschied? Wie bin ich mit meinen Kindern, wenn diese leiden? Bin ich vielleicht total empathisch zugewandt? Und wie bin ich mit meinen Angestellten, wenn diese leiden? Ohne das zu bewerten. Einfach sich in seinem Spektrum als Mensch klarer erfassen und die Widersprüche aushalten.

Dann stellt sich die Frage, könnte ich nicht die Kompetenzen, die ich im Privaten habe, im Umgang mit meinen Kindern, vielleicht auch auf den Arbeitskontext an geeigneter Stelle übertragen?

Warum trenne ich das? Warum tut mir das nicht gut, dass ich das Gefühl habe, ich gehe jetzt in mein Unternehmen und muss mir eine Maske aufsetzen und ich kann nicht ich sein? Ich agiere vielleicht unter meiner Reife oder unter meiner Weisheit, weil ich einen komischen zahlenfixierten Chef habe und glaube, dessen Denkweisen folgen zu müssen. Innerlich weiß ich vielleicht schon, dass, wenn ich stärkenorientiert geführt werde, alles viel besser laufen könnte. Ich habe das Gefühl, das nicht sagen zu dürfen oder auch nicht zu wollen. Denn den Arbeitsplatz wählen die meisten freiwillig und sagen damit auch immer zu einem Teil Ja zu dem Spiel, was dort gespielt wird. Da kann das Modell helfen, diese Aspekte transparenter und nachfühlbarer zu machen.

Maike Schäbitz: Du sagst gerade was total Schönes. Schaue ich so auf mich und die anderen, dass all diese Ressourcen prinzipiell angelegt sind, dass wir viele Haltungen schon in unserem Privatleben einnehmen können, dann nimmt das das Wertende raus. Ganz oft habe ich gezeigt, dass ich unglaublich liebevoll und empathisch und zugewandt agieren kann. Ich mache das nur in bestimmten Kontexten manchmal nicht, weil ich einfach in diesen Kontexten vielleicht das Gefühl habe, das ist hier gerade nicht erwünscht oder ich sollte hier so nicht agieren oder da bin ich einfach schon paar Mal irgendwie auf die Nase gefallen und lasse es jetzt.

Martin Permantier: Genau, das ist so ein bisschen die Tragik, dass wir natürlich alle Weisheiten haben. Das Netz ist voll damit.

Alles, was wir brauchen, um die Welt zu verbessern, ist bekannt. Aber wir tun es nicht, weil wir in unserer Kraft beschnitten sind. 

Das hat mit der Prägung durch die Herkunftsfamilie zu tun, das hat mit dem sozialen System zu tun, indem wir groß geworden sind. Ich fand das Bild hilfreich, dass wir voller angehaltener Gefühle sind. Die Gefühle sind der Treiber. Wenn Du voller Emotion bist, wenn Du verliebt bist, machst Du alles, lernst Du neue Sprachen, kümmerst Dich – alles super. Aber wenn Du eine blockierte emotionale Energie hast, so im Modus „Ich weiß nicht“, „Das tut man nicht“, „Was werden die anderen denken?“, dann bist Du eben oft in einer kindlichen Haltung und reduzierst Dich auf eine kindliche Perspektive. Dann sind wir nicht richtig erwachsen. Den Teil muss ich dann manchmal zur Seite nehmen sagen, hier klein Martin, hier kommt mal der große Martin und sagt Dir, pass auf, da gibt es noch die Wirklichkeit, die Möglichkeit und diese weitere Wirklichkeit und diese zusätzliche Möglichkeit und Du hast es doch bis jetzt auch immer geschafft usw. Manche stecken halt aufgrund ungünstiger Lebensumstände in diesen kindlichen Haltungen, wo ihnen der Zugang zum gesunden Menschenverstand mit abwägendem Denken, Faktenwissen und differenziertem Fühlen nicht so leicht fällt, weil es wenig geübt werden konnte.

Maike Schäbitz: Ich erinnere mich, dass Du mir mal irgendwann mir den Tipp gegeben hast: Maike, Du kannst dich einfach in manchen Situationen fragen, wie alt ist denn die Maike, die da gerade spricht?

Martin Permantier: Das kann man sehr schön nachvollziehen. Das trifft auf manche Politiker zu. Sie haben den Sprachschatz von einem Achtjährigen und dahinter befindet sich die Wirklichkeitskonstruktion eines Achtjährigen, der im Mittelpunkt stehen möchte, komplexe schriftliche Dinge nicht erfassen kann, eigene Gefühle nur schablonenhaft in 10 Vokabeln äußern kann. Das ist alles sehr gut beschreibbar und wir sehen das auch alle. Das ist manchmal wie bei „Des Kaisers neue Kleider“. Wenn ich mir heute angucke, wie viele reiche, weiße, alte Männer in irgendwelchen Demokratien gewählt werden, die offensichtlich nicht empathiefähig sind, dann ist das schon speziell.

Wie in der Praxis mit dem Buch gearbeitet wird 

Maike Schäbitz: Wie ist das denn jetzt gerade mit dem Buch? Also die erste Auflage, soweit ich informiert bin, ist nach 4 Monaten schon fast vergriffen. Wer hat das Buch denn jetzt bisher so gekauft? Hast du das schon Rückmeldungen bekommen, wie damit im Alltag gearbeitet wird?

Martin Permantier: Ja, sehr unterschiedlich. Klar haben wir es natürlich auch dem ein oder andere befreundeten Unternehmer zu lesen gegeben. Neulich bekam ich als Feedback:„Du, ich habe mich da total wiedererkannt. Also ich bin sowas von in der „eigenbestimmt-souveränen“ Haltung. Aber ehrlich gesagt, ich fühle mich damit so pudelwohl. Ich sehe gar nicht, warum ich mich ändern sollte.“ Susanne Cook-Greuter, die auch eine Autorin ist im Zusammenhang mit der Ich-Entwicklung, hat mal gesagt, „Fülle voll und ganz die Kompetenzstufe aus, die Dir zur Verfügung steht, dann kommt Entwicklung von alleine.“

Eine erweiterte Haltung ist nicht etwas, was man anstreben kann, wie eine Karriere, sondern sie ist das Resultat von Entwicklung.

Es gibt immer so ein bisschen den Wunsch bei Entwicklungsmodellen, die anderen zu entlarven zu sehen „Haha, der ist da und er ist da“ usw. Natürlich passiert das auch. Das gehört ein bisschen dazu. Auch dieses „Des Kaisers neue Kleider“- Phänomen, das einfach offensichtlich wird, aus welchem Denkraum jemand kommt. Wenn ich mit einem Fundamentalisten rede, der ein dualistisches irrationales Weltbild mit halluzinatorischen Vorstellungen hat, dann sehe ich – gesunder Menschenverstand geht da noch nicht. Eigene persönliche Interessen, eigene Gefühle, das wird alles gar nicht wahrgenommen. Weil alles, hinter dieser Konstruktion von richtig und falsch ungesehen bleibt.

In dem Sinne ist unsere Haltung die Grenze unserer Wahrnehmung.

Wer viel das Buch kauft, sind Coaches. Das erkennen wir an den über 1.000 Posterbestellungen zu dem Buch. Das sind natürlich Menschen, die Menschenentwickler sind, die genau von diesen Modellen profitieren, weil damit ist natürlich das, von dem die erzählen, nämlich die möglich Entwicklung der eigenen Haltung, transparenter und nachvollziehbarer. Wenn ich die Entwicklungsgrafiken im Blick habe, dann kann ich Dir erklären, „Mensch, du bist eigenbestimmt und souverän, aber der Schatten in Dir wird noch nicht angeguckt. Vielleicht arbeitest Du deswegen so viel, bis leicht depressiv, weil Du deine ganzen emotionalen Energien noch nicht so zum Ausdruck gebracht oder in Bewegung gebracht hast, wie es für eine Erweiterung deiner Haltung profitabel wäre. Sehr spannend finde ich, dass viele Coaches, die dieses Buch kaufen, zu tollen Kontakten geworden sind. Einige unserer Gäste für unseren Podcast ICH WIR ALLE haben wir so gefunden. Ich glaube auch, dass die ganzen Modelle der entwicklungsorientierten Psychologie – und da gibt's ja verschiedene, noch am Anfang stehen. Das Ganze kann noch viel weiter entwickelt werden. Es gibt noch viele Zusammenhänge, von den ich mir vorstellen kann, dass die andere herausfinden werden. Da gibt es noch Möglichkeiten zu Testverfahren, die noch klarer veranschaulichen können, wo jemand gerade ist, welche Entwicklungsziele jemand hat. Wir planen für 2020 weitere Seminare und vielleicht auch eine Ausbildung, die dann auch wieder uns in der Anwendung von dem Modell der 6 Haltungen bereichern wird.

Maike Schäbitz: Okay, also es wird Workshops geben, die sich konkret mit den Inhalten des Buches beschäftigen.

Martin Permantier: Das ist auch die Art, wie wir uns das Wissen praxisnah erschlossen haben, eben durch Seminare und Workshops, durch das Feedback von Teilnehmern. Da kommen auch die Beispiele und Anekdoten her. Das kannst Du Dir nicht alles ausdenken. Du musst das in die Praxis bringen. Dann siehst Du, „Das ist jetzt komisches Beispiel, das funktioniert ja gar nicht, das stimmt ja gar nicht.“ Die Praxis ist ein Korrektiv.

In dem Moment, wo du mit Menschen arbeitest, macht es am meisten Spaß. Dann siehst Du, was wirksam ist und was ist vielleicht zu theoretisch oder zu ausgedacht.

So verfeinert sich das dann noch immer.

Maike Schäbitz: Ich kann das offensichtliche Loblied auf Dein Buch singen und obwohl Du gesagt hast, dass vor allem Coaches, die offensichtlichen Menschenentwickler, die mit Führungskräften und Teams arbeiten, zum großen Teil das Buch gekauft haben, konnte auch ich mit dem Buch gut arbeiten. Auch als einzelne Person habe ich das Buch als absolute Bereicherung empfunden. Ich sehe es so, dass jeder für sich, also ich mit meinem Partner, jeder für sich in seiner Familie, mit Menschenentwicklung zu tun hat.

Wir sind alle Menschenentwickler mit jedem, mit dem wir jeden Tag ein Stück weit zu tun haben und mit dem wir in Kontakt treten.

Ich kann nur sagen, dass auch für mich viele Kontakte jetzt deutlich anders sind und mit einem anderen Bewusstsein passieren. An vielen Stellen bin ich einfach energiesparender unterwegs. In vielen Diskussionen spreche ich ganz anders, als ich es vor der Lektüre und vor vielem Ausprobieren getan habe und ich verstehe mich selber ein Stück weit besser. Ich habe es auch als persönliches Entwicklungstool, als eine Bereicherung empfunden.

Führung entwickeln, damit New Work möglich wird

Martin Permantier: Ja schön. Das ist unser Ziel, unsere Wunschzukunft. Denn ich glaube, dass die ausbleibende Persönlichkeitsentwicklung von Führungskräften, das größte Hindernis ist, warum sich Organisation eben nicht agiler, nachhaltiger, gesamtheitlicher, wie immer man das nennt, warum sie sich nicht weiterentwickeln, sondern in dem alten Denken verharren. Das ist bei mir selber auch so. Schaue ich mir meine Gedanken an, dann sehe ich – 90% alles Wiederholungsfolgen. Habe ich alles schon mal gedacht. Wenn ich dann etwas genauer schaue, erkenne ich – meine Innenwelt ist gestaltbar. Ich kann schauen, wie ich mit meinen Gedanken und Gefühlen umgehe und ich habe eine Gestaltungsmacht. Das ist dann eine wahnsinnige Entdeckung und meistens ist es so, wer das einmal entdeckt hat, der hat richtig Bock drauf mehr Freiräume, in sich zu schaffen.

Maike Schäbitz: Dass ich nicht jeden Tag das Gleiche denken muss.

Martin Permantier: Genau. Wie sagte noch mal Viktor Frankl, „Ich muss mir vom Gehirn nicht alles gefallen lassen.“

Maike Schäbitz: Oder glaube nicht alles, was Du denkst. Das sind absolute wichtige Erkenntnisse. Was für mich ein echter Aha-Effekt dieses Jahr war, zu sehen, wir denken einfach jeden Tag repetitiv das Gleiche, was wir immer wieder gedacht haben. Die einen Gedanken stoßen den nächsten Zyklus an und es ist echt die Geschichte, die wir uns tagtäglich über uns selbst erzählen und die eben oft auch immer wieder sehr ähnliche Ergebnisse produziert. Da mal die Perspektive wechseln zu können und vielleicht ein Problem auf eine Art und Weise zu lösen oder anzugehen, wie wir es noch nie getan haben. Das war für mich auch eine echte Erkenntnis.

Martin Permantier: Da sagst du was sehr Schönes.

Welche Geschichte erzähle ich mir eigentlich über mich selber? Welche Geschichte erzählen wir uns, über unser Arbeitsleben?

Der Eine sagt, natürlich bin ich bei der Arbeit, um Geld zu verdienen. Ja, ok, das ist ein Aspekt. Du kannst aber auch sagen, ich bin hier, um das Potential von mir und den anderen zu erwecken oder dem Potenzial Raum zu geben. Oder, ich bin hier, um mich selbst zu erfahren oder um etwas Sinnvolles zu tun und etwas Schönes in diese Welt zu bringen. Manchmal müssen wir unserNarrativ ändern. Dieses Ringen um diese Geschichte über unser Leben gilt für Individuen und das Kollektiv. Wie Yuval Harari das so schön sagte, „Was wollen wir wollen?“ Was soll denn jetzt unsere Geschichte werden? Da bringt das entwicklungsorientierte Modell eine sehr optimistische Qualität rein, weil wir sehen, wir kommen alle von dem Recht des Stärkeren. Aber wir sind da nicht mehr und das, wo wir hin könnten, also was das Potential des Menschen wäre, ist viel weiser. Wenn wir uns alle entwickeln würden und Lust und Selbstentwicklung hätten, wäre das ziemlich gut.

Maike Schäbitz: Das Buch hat meinen Optimismus auf jeden Fall noch mal sehr gestärkt.Du hast gerade zum Schluss des Buches einen kleinen Ritt durch die Geschichte der Menschheit und auch der deutschen Geschichte vorgenommen und auch wenn man das nicht immer glauben mag, wenn man sich umguckt,es geht an bestimmten Stellen wirklich aufwärts im Bewusstsein und wenn ich um mich herumgucke, was bei Fridays for future passiert, was an vielen Stellen passiert, sehe ich ein immer größeres Bewusstsein für bestimmte notwendig werdende Prozesse.

Martin Permantier: Auf jeden Fall und ich brauche nur meine Ahnen anschauen, um diese Veränderung in den kollektiven Haltungen zu sehen. Dann sehe ich mein Opa, geboren 1898, im Kaiserreich groß geworden, der als 16-Jähriger nichts sehnlicher wollte, als Soldat zu werden. Ist er 1916 auch geworden – mit all den Folgen. Er ist mit 400 Mann auf die Franzosen zugerannt und 60 haben davon haben die nächsten 30 Minuten überlebt. Das war seine Wirklichkeit. Mein Vater, geboren 1931 hatte den Zweiten Weltkrieg als Erfahrung. Auch kein großer Spaß. Ich bin in den 60er, 70ern groß geworden. War schon alles schon viel friedlicher, aber natürlich von den Denkräumen, in denen ich mich als Kind aufhalten musste und was ich zu überwinden hatte, noch sehr eng. Ich bin froh, dass das unsere Kinder nicht mehr überwinden müssen, sondern dass die im freien Denken, in einem empathischeren Raum groß werden konnten. Ich glaube, dass wir diesen kollektiven Denkraum noch weiter vergrößern können. Bei all den Schwierigkeiten, die wir zu überwinden haben und bei all den apokalyptischen Szenarien, die vermeintlich vor uns stehen. Eben weil sie vor uns stehen ist es umso dringlicher, unsere Haltung zu tieferen, gesamtheitlichen Denkweisen zu bringen.

Maike Schäbitz: Ja das sehe ich auch so und ich denke, auch bei der Digitalisierung ist die Frage, aus welcher Haltung heraus wir die Instrumente und Tools nutzen, die uns jetzt an die Hand gegeben werden. Ich denke mit einer liebevollen, den Menschen zugewandten Sichtweise können wir, wenn die Geschwindigkeit so weitergeht, wie in den letzten zehn Jahren, die Herausforderungen viel besser meistern. Das ist ja ein Wahnsinn, was ich jetzt schon alles erlebt habe und Du auch in so kurzer Zeit. Es verdichtet sich alles so rasant. Wir können mit den Tools, die uns jetzt an die Hand gegeben werden, etwas Wunderbares kreieren.

Martin Permantier: Ich finde das klasse und ich finde, da lohnt es sich, Energie hinein zu geben. Mein Vater hat Alzheimer und neulich habe ich ihm erklärt, wie der Tag so abläuft. Natürlich konnte er mit meinen Infos nichts anfangen, weil er das alles nicht mehr einordnen kann. Also schaut er mich an und sagt, „Ach Martin, das brauchst Du mir nicht alles sagen. Ich lass mich überraschen. Ja, dachte ich, weises Lebensmotto. Man muss gar nicht mehr Recht haben.

Man guckt, was so passiert, lässt sich überraschen und schaut, dass man seine Haltung dabei erweitert.

Maike Schäbitz: Ja, schön Martin! Danke schön für das Gespräch. Ich hoffe, dass das Buch viele Leser finden wird und dass ganz viele Menschen ein Geschmäckle bekommen haben auf Selbstentwicklung und die Freude darauf.

Martin Permantier: Danke, Maike.

Dieses Interview mit dem Geschäftsführer der short cuts GmbH gibt es auch als Podcast. 

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Zwei Autoren im Gespräch über Selbst-, Team und Werteentwicklung

Podcast-Episode mit Jens Hollmann & Martin Permaniter

Warum kann Wahrhaftigkeit für Weiterentwicklung wichtig sein, bzw. was passiert, wenn alle Anwesenden lieber über heiteren Sonnenschein sprechen, als über den „stinkenden Elch auf dem Konferenztisch“ der dort schon ziemlich lange herumliegt ?

Wieviele Tabuzonen kann sich eine Organisation leisten, die sich entwickeln muss?

Termine 2020 mit Unternehmer & Geschäftsführer Martin Permantier: 

20. April in Berlin
Mit „Haltung entscheidet“ und Birgit Permantier zu Gast im Berliner Integralen Salon

29. April in Wien 
Keynote beim Jahresforum für CX Design & Management: „Führung und kundenzentrierte Unternehmenskultur zukunftsfähig entwickeln“

11. Mai in Hamburg
Mehr dazu in Kürze

Das Speaker-Profil von Martin Permantier finden Sie hier als PDF zum Download. 

Die sechs Schritte der Werteentwicklung lernen Sie hier kennen